„Ungesühnte Nazijustiz“ – Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, 05.2011

Rezension von Utz Anhalt (sopos)

Die 68er Studierendenbewegung in Deutschland war auch ein Generationenkonflikt zwischen den Kindern der NS-Täter und ihren Eltern. Nur wenigen ist jedoch bekannt, dass bereits Jahre zuvor Studierende eine kritische Aufarbeitung der NS-Geschichte eingefordert hatten und eine Ausstellung zu den Verbrechen deutscher Juristen unterm Hakenkreuz gestalteten. Der Druck des Obrigkeitsstaats, die Verfolgung der kritischen Studierenden und die Diffamierung der Ausstellung übertrafen die Reaktionen der politischen Rechten bei der Wehrmachtsausstellung damals bei weitem.
Glienke stellt die Frage, welchen Einfluss die ideologischen Vorgaben des Kalten Krieges auf die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hatten. Insbesondere zeigt er, wie antidemokratische Denkstrukturen in den 1950er und frühen 1960er Jahren erneut hegemonial werden konnten. Die „ungesühnte Nazijustiz“ ist für ihn ein Beispiel, um die gesellschaftlichen Leitlinien und Tabus der Adenauer-Zeit unter die Lupe zu nehmen. Er demonstriert an diesem Fallbeispiel, wie wenig die postulierte demokratisch-freiheitliche Grundordnung mit der Realität autoritärer Mentalitäten gemeinsam zu tun hatte. Die Studierenden, die eine kritische Ausstellung zu unfassbaren Verbrechen von Juristen gestalteten, Juristen, die nach 1945 in hohen Ämtern saßen, galten als „Nestbeschmutzer“ und wurden massiv in ihrer Arbeit behindert. Dennoch schafften sie es, eine öffentliche Diskussion in Gang zu setzen, die die NS-Zeit unter neuen Fragestellungen betrachtete. Sie brachen das Tabu, vergangene Verbrechen von Juristen zu thematisieren, die von sich behaupteten, „ja nur Recht gesprochen“ zu haben. Die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Juristen gelangte zwar nicht zur gesellschaftlichen Hegemonie, wurde aber ein Meilenstein in der Faschismusdiskussion der 1968er Bewegung. Die Studierenden schafften es vor allem, überhaupt eine kontroverse Auseinandersetzung über den deutschen Faschismus in die Öffentlichkeit zu bringen.

…Unter anderen ideologischen Vorzeichen wurden NS-Verbrecher des Justizapparats in der DDR sehr wohl verfolgt. Und die dortige „Blutrichter“-Kampagne blieb im Westen nicht unbekannt. Berliner Studierende durchforschten daraufhin Akten ehemaliger NS-Juristen und fragten bei tschechoslowakischen und ostdeutschen Institutionen nach Quellenmaterial. Diese Recherche in den Archiven des Ostens lag daran, dass sie in westlichen Archiven keine Einsicht erhielten und brachte ihnen stante pede den Vorwurf der ideologischen Nähe zur DDR oder gar der „kommunistischen Wühlarbeit“ ein.. Die DDR hatte das Thema „Nazirichter“ im Propagandakampf gegen die BRD genutzt, und die kritischen Studierenden sahen sich jetzt als Agenten des Ostens dargestellt. Kultus- und Justizministerien, aber auch Universitätsleitungen liefen Sturm gegen die Ausstellung. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), damals noch eine Studierendenorganisation der SPD, gestaltete die Ausstellung mit. Es kam zum Krach mit der Mutterpartei, der 1961 zum Ausschluß des SDS aus der SPD führte. Interessant daran ist, dass die Ausstellung zwar historisch ausgerichtet war, jedoch damalige politische Konfliktlinien verstärkte. Die SPD grenzte sich von ihrer Studierendenorganisation ab, die Münchner FDP von der Liberalen Hochschulgruppe – die liberalen Studierenden unterstützen die Ausstellung nämlich ebenfalls. …

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