Miserable Chancen vor Gericht für in der Psychiatrie falschbehandelte Patienten, 20.07.2005

Ein Kampf gegen die verordnete Schizophrenie, taz.de

Zehn Jahre wurde Tanja Afflerbach mit Psychopharmaka behandelt. Nach einer falschen Ausgangsdiagnose lebte die junge Frau aus dem Siegerland, die heute Schmerzmittel gegen die Folgewirkungen jener „tödlichen Dosis“ nehmen muss, im Nebel. Jetzt klagt sie gegen den ärztlichen Kunstfehler

…Zehn Jahre lang lebt Tanja in diesem Nebel, wird zwischendurch aus der Psychiatrie entlassen, lebt ein paar Monate bei ihren Eltern, geht dann wieder in die Klinik. Dann beginnt sie selbst, ihre Medikamente zu reduzieren. „Mit jedem Tag wurde ich klarer im Kopf“, sagt sie. Ihre Ärzte überzeugen sie, auf ein anderes Medikament umzusteigen, das weniger Nebenwirkungen haben soll – sie halten immer noch an der Diagnose fest. „Die Umstellung hätte über Monate erfolgen müssen, hier machten sie das in drei Wochen“, sagt Tanja. Sie bekommt Schüttelfrost, schwitzt so stark, dass sie fast 20 Liter trinken muss. Ihr Kreislauf ist so schwach, dass sie kaum gehen kann, und schon nach Tagen stehen ihr ständig die Haare zu Berge. „Mir wurde unterstellt, ich würde simulieren“, erzählt sie.

Sie geht nach Hause, setzt das Medikament ab. „Zum Glück fand ich endlich auch einen Arzt, der mich dabei unterstützte.“ Die Nervenschmerzen in der Kopfhaut und die Lichtempfindlichkeit sind heute, vier Jahre später, immer noch da. Psychisch krank sei sie nie gewesen, sondern habe unter Medikamenten-Nebenwirkungen gelitten, schreibt ihr Gutachter. Die Medikamentenumstellung sei unter fachlichen Gesichtspunkten lebensgefährlich gewesen.

Obwohl vor kurzem mit Vera Stein eine Betroffene vor dem Europäischen Gerichtshof Recht und Schmerzensgeld bekam, seien „die Chancen vor Gericht miserabel“, sagt Matthias Seibt vom Landesverband für Psychiatrieerfahrene, der Tanjas Klage unterstützt. „Kunstfehlerprozesse sind immer kompliziert, weil Gutachten gegen Gutachten steht“, so Seibt. „Außerdem wird Psychiatrieerfahrenen oft nicht geglaubt.“ Tatsächlich halten die Siegener Psychiater im Gegengutachten an der alten Diagnose fest, obwohl Tanja, seit sie keine Psychopharmaka mehr nimmt, nie wieder psychische Probleme hatte. Als Beweis führen sie die über 20 Psychiatrieaufenthalte an und beschreiben Tanjas Panik als Symptom einer Schizophrenie.

„Auch eine erfolglose Klage ist wichtig“, meint Matthias Seibt. Denn Tanja Afflerbach sei kein Einzelfall. „Es kommt nur selten vor, dass jemand nach so einer Behandlung noch Verstand und Energie hat, um zu klagen.“

Mehr als 35.000 Menschen werden in Nordrhein-Westfalen jährlich in die Psychiatrie zwangseingewiesen. „Auf noch viel mehr wird wie damals auf Tanja mit Diagnosen und Medikamenten Zwang ausgeübt“, sagt Seibt. „Wenn eine intelligente Frau wie Tanja sich wehrt, wird dieser Zustand öffentlich.“

Tanjas neueste Druckgrafiken sind nicht einmal so groß wie eine Hand. Auf den kleinen Holzklötzen leuchten bunte Farben. „Ich bin ein visueller Mensch“, sagt Tanja, die ihre Augen mit einer Sonnenbrille schützt. „Ich habe nur zwischendurch meine Persönlichkeit verloren.“ Manchmal stellt sie in kleinen Ateliers aus, demnächst will sie in einem Jugendheim einen Malkurs geben. An einem Tag wie heute schwärmt sie von der geplanten Zelttour durch die Bretagne mit ihrer Mutter. „Ich muss nur noch ein paar Formulare für meinen Morphiumvorrat ausfüllen“, sagt sie und stöhnt: „Immer diese Bürokratie“. Heute Abend will sie auf eine Gartenparty gehen, vorausgesetzt die Schmerzen bleiben auch für den Rest des Tages erträglich. „Ich bin wieder glücklich, weil ich ich bin“, sagt sie.

„Eine leere, kaputte Hülle war ich“, beschreibt Tanja Afflerbach ihren Zustand nach Monaten in der Psychiatrie. Nachdem sie vor vier Jahren die Psychopharmaka eigenständig abgesetzt hat, „bin ich wieder glücklich, weil ich ich bin“

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