Nach 40 Jahren: Mordfall Carmen Kampa aufgeklärt, Spektakuläres Fehlurteil in der Justizgeschichte, 20.08.2011

Nach 40 Jahren: Mordfall Carmen Kampa aufgeklärt, Spektakuläres Fehlurteil in der Justizgeschichte, 20.08.2011

…Eher zufällig gerät 1973 der Bauarbeiter Otto Becker in den Fokus. Den Vernehmungen offenbar nicht gewachsen, redet er sich in sein Unglück. Er habe nur die Polizei zufriedenstellen wollen, sagt er, als es zu spät ist. Becker wird angeklagt. 1975 verurteilt ihn das Schwurgericht wegen „Vergewaltigung in Tateinheit mit Mord“ zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren und drei Monaten – ihn, der homosexuell ist und gegen dessen Täterschaft mehr als nur ein paar Indizien sprechen.

Das Urteil geht später als spektakuläres Fehlurteil in die Justizgeschichte ein.

Der Strafverteidiger Heinrich Hannover ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Mit Akribie und der nötigen Portion Besessenheit arbeitet er an dem Fall – und stößt auf einen absoluten Revisionsgrund. Das Gericht war falsch besetzt, einer der damals noch sechs Schöffen war nicht der richtige. Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil gegen Becker auf. Ende 1976 spricht eine andere Bremer Kammer Becker, seit April 1975 von der Haft verschont, frei. Inzwischen war über einen Referendar die Spurenakte 59 ins Spiel gekommen, in der es um einen Kellner geht, der als verdächtig gelten konnte. Hannover führt 21 Indizien gegen ihn an. Dem Kellner wird die Tat nie nachgewiesen. Er ist mittlerweile gestorben – wie auch Becker. …

Picard, Kripo-Chef Helmut Mojen und die Kriminalbeamten Sven Bergmann und Kai Höchel machen sich mit „Hannover‘scher“ Akribie und Besessenheit an die Arbeit. In einer Frühlingsnacht 2011 rekonstruieren sie das Geschehen am Oslebshauser Bahnhof . Erkenntnis: „Man kommt an Spurenakte 135 nicht vorbei“, so Picard. Die Akte handelt von einem Wachmann mit Koteletten, der zur Tatzeit 34 Jahre alt war. Auch er war in den 70ern in Verdacht geraten. „Aber der entscheidende Sachbeweis hat gefehlt“, sagt Picard. Die Ermittler prüfen alles: Zeugenaussagen von damals, die Wege des Wachmanns. Den entscheidenden Sachbeweis finden sie im Archiv des Bundeskriminalamts – ein Haar, 1971 am Kleid der toten Carmen Kampa sichergestellt. Der DNA-Abgleich mit einer Speichelprobe einer weiblichen Angehörigen des Wachmanns ergibt die Gewissheit. …

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Mehrteiler Justizirrtum Teil 4/4, Ein Film von Dirk Blumenthal, ARD  24.01.2005 21:45

1971 Mord in Bremen
1. Mai 1971 – kurz vor Mitternacht. An einem Bahndamm in Bremen wird die Schuhverkäuferin Carmen Kampa ermordet. Fahrgäste eines haltenden Zuges beobachten den Überfall auf die 17-Jährige, aber niemand hilft ihr.
Erst Tage später wird die Tote gefunden. Carmen Kampa ist vergewaltigt und erwürgt worden. Außerdem hat der Täter ihr ein Messer ins Herz gestoßen.

Die Kriminalpolizei verfolgt mehr als tausend Spuren, darunter die Spur 59 mit starken Verdachtsmomenten gegen den Kellner Helmut Harynek. Aber die Indizien reichen nicht für eine Anklage. Schließlich wird die Spurenakte zur Seite gestellt und vergessen.

Zwei Jahre nach der Tat gerät zufällig der alkoholsüchtige Bauarbeiter Otto Becker ins Visier der Kripo. Die Indizien gegen ihn sind eher schwach, und der Verdächtige ist obendrein homosexuell. Trotzdem wird Becker vor Gericht gestellt und als Mörder verurteilt.

Beckers Verteidiger legt erfolgreich Revision ein – wegen eines Verfahrensfehlers. Da erfährt er angeblich zufällig in einer Kneipe – von der Spurenakte 59 und Helmut Harynek. In einem neuen Prozess stellt sich heraus, dass der Kellner mindestens so tatverdächtig ist wie Otto Becker. Er hat sogar an einer Art Drehbuch mitgearbeitet, in dem eine Frau mit einem Messer bedroht, vergewaltigt und getötet wird. Der Prozess endet mit Freispruch für Otto Becker. Gegen Helmut Harynek wird keine Anklage erhoben.

Für diesen Film hat der inzwischen 70-Jährige sein erstes Interview über seine Verwicklung in den Fall gegeben. Er beteuert – natürlich – seine Unschuld.

Der Fall Carmen Kampa ist bis heute ungeklärt. Aber die Bremer Kriminalpolizei ermittelt wieder – auch gegen Helmut Harynek.

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