Die Russenmafia beherrscht den Drogenhandel in den 42 bayerischen Gefängnissen. Behörden und Justizvollzugsbeamte wissen davon nichts – oder sehen weg, 02.11.2012

Kartelle im Gefängnis Wie die Russenmafia den Knast kontrolliert, sueddeutsche.de

( Unrechtsrepublik Deutschland: So kuscht die Justiz vor der Russen-Mafia, 29.11.2011 )

Jedes Gefängnis-Tattoo hat eine Bedeutung. Es ist eine Art Vertrag zwischen dem Einzelnen und der Knastgemeinschaft. Alexej Petrow hielt sein Versprechen: Er arbeitete sich nach oben, bis er die rechte Hand des Mannes war, den sie im Gefängnis nur „den Boss“ nannten. Petrow organisierte für die Russenmafia in einem bayerischen Gefängnis die Drogenlieferungen. Vor einigen Monaten brach er alle Versprechen. Er stieg aus. Seine Geschichte gibt einen äußerst seltenen Einblick in die Welt hinter Gefängnismauern, in einen rechtsfreien Raum im Herzen unseres Rechtsstaates.

…Die Russenmafia kontrolliert den Drogenhandel in den 42 bayerischen Gefängnissen. Das erzählen ehemalige Insassen, das wissen aber auch die Experten der Behörden. In die Öffentlichkeit drängt die Situation in den Gefängnissen trotzdem nur, wenn es wieder einmal einen Suizid, eine Massenschlägerei oder einen Hungerstreik gibt. Das ist selten. Gewalt aber scheint im Knast Alltag zu sein. In einer Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer gab jeder vierte befragte Gefangene in vier norddeutschen Bundesländern an, regelmäßig Opfer von psychischer oder körperlicher Gewalt zu werden.

Für Bayern gibt es keine Zahlen. Aber zwei Fakten: In keinem Bundesland sitzen im Verhältnis zur Bevölkerung so viele Menschen in Gefängnissen. Und in keinem Bundesland muss ein Justizvollzugsbeamten so viele Insassen beaufsichtigen. 5260 Beamte passen auf knapp 9500 Gefangene auf. Nach Veröffentlichung der Studie ließ Justizministerin Beate Merk klarstellen: „Unsere Beamten sind geschult, hinzuschauen und konsequent zu reagieren.“

Alexej Petrow lacht auf, als er das Zitat der Ministerin hört. „Die Beamten sehen nichts. Und sie wollen auch nichts sehen.“ Knapp zwölf Jahre hat Petrow in verschiedenen bayerischen Gefängnissen verbracht. …

Glaubt man den Erzählungen von Petrow, war das Leben hinter Gittern ziemlich lukrativ. 2000 Euro habe er am Ende aus seinen Einkünften jeden Monat an seine Mutter überwiesen, nach der letzten Strafe, vier Jahre, außerdem mehr als 20.000 Euro für sich selbst angespart. Aber kann man Petrow glauben? Ja, sagen Menschen, die ihn und seinen Fall kennen. Ja, sagen auch Menschen, die sich mit der Russenmafia auskennen.

Es ist das System des „heiligen Abschtschjaks“. Der Abschtschjak ist die Gemeinschaftskasse der Russen im Knast. Jeder von ihnen muss einen Teil seines Taschengelds einbezahlen. Von dem Geld werden Kaffee und Zigaretten gekauft, aber auch Anwälte bezahlt. Die Kasse ist der Kitt, die Grundlage für klare Regeln, Hierarchien und das Geschäft.

… Und die Justizbeamten? „Die kriegen das alles nicht mit. Dafür sind sie zu wenige“, sagt Florian Koch. Denen könne man keinen Vorwurf machen. „Die sind nett, die können doch gegen das System da auch nichts machen.“ Fragt man Beamte und Gefängnisseelsorger selbst, bestätigen sie das. Offen äußern möchte sich keiner. Auch sie fühlen sich nicht sicher: „Die Russen sind so gut vernetzt, auch nach draußen. Da hast du Angst, dass dir was passiert – und es niemand rauskriegt.“

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