Ein linker Wissenschaftler im Visier der Terrorfahnder, Unschuldig inhaftiert, 09.03.2010

Andrej Holm, Ein linker Wissenschaftler im Visier der Terrorfahnder, WDR Quarks & Co

Dr. Andrej Holm ist 39 Jahre alt, Soziologe und Familienvater. Holm ist politisch aktiv und engagiert sich in verschiedenen linken Bündnissen. Er lebt in Berlin und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Stadtforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Oldenburg. Davor lehrte Andrej Holm an der Berliner Humboldt-Universität und war wissenschaftlicher Mitarbeiter der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist das Thema Stadterneuerung und ihre sozialen Folgen. Die Bundeszentrale für politische Bildung zitiert ihn als Experten zum Thema „Stadt und Gesellschaft“.

Die Bundesanwaltschaft dagegen hält ihn für einen geistigen Brandstifter. Er soll Kopf einer terroristischen, linken Vereinigung sein – der sogenannten „militanten Gruppe“, die seit Jahren Brandanschläge im Berliner Raum verübt. In den Bekennerschreiben der „militanten Gruppe“ tauchen die Begriffe “ Prekarisierung“ und „Gentrification“ auf.
Eine Internetrecherche führt die Ermittler 2006 zu Holms wissenschaftlichen Publikationen. Denn auch dort finden sich diese Begriffe. Für Soziologen handelt es sich dabei allerdings um gängige Fachausdrücke. Trotzdem wird ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ eingeleitet.

Knapp ein Jahr wird er beschattet und abgehört. Dabei werden angeblich noch „weitere Indizien“ gesammelt, wie „konspirative Kontakte“ und eine Verbindung zu einer linksautonomen Zeitschrift. Im Sommer 2007 stürmt schließlich ein Polizei-Kommando die Wohnung von Andrej Holm. Die Polizisten überwältigen ihn und führen ihn in Handschellen ab. Holm kommt für drei Wochen in Untersuchungshaft.

Der Bundesgerichtshof erklärt den Haftbefehl später für rechtswidrig. Ein Ermittlungsverfahren gegen Andrej Holm läuft aber noch immer – jetzt nicht mehr wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen, sondern in einer kriminellen Vereinigung.

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