Kunstsammler Cornelius Gurlitt, Bauernopfer von Justiz und Politik in Bayern, 14.01.2016

Kunstsammler Cornelius Gurlitt Unordnung und spätes Leid, Frankfurter Allgemeine, 14.01.2016

Als kürzlich über den Fall Gurlitt im bayerischen Landtag gesprochen wurde, vor dem Ausschuss für Wissenschaft und Kunst, und wieder einmal die Fortschritte bei der Aufklärung Thema waren, da fiel auf einmal ein erstaunlicher Satz. Dieser stammte von Sepp Dürr, für die Grünen im Landtag, der bekannt dafür ist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Statt auf Raubkunst kam er im Landtag vor allem auf die „sehr dubiose Aktion der Staatsanwaltschaft“ zu sprechen, später auf das „Märchen von der Raubkunstsammlung“. Gegenüber dieser Zeitung sagte Dürr: „Der groß aufgeblasene Raubkunstfund ist wie Stevensons ,Schatzinsel‘ inszeniert worden, um davon abzulenken, dass alle Register der schlechten Staatskunst gezogen worden sind.“ Die Staatsanwaltschaft habe die Öffentlichkeit davon überzeugen wollen, dass die Beschlagnahme von Gurlitts Bildern damals einem guten Zweck gedient habe.
…46 Monate sind dann nach der Beschlagnahme der Sammlung durch die Staatsanwaltschaft in der Münchner Wohnung vergangen, 25 Monate seit Einrichtung der „Taskforce Schwabinger Kunst“ durch die Bundesregierung und den Freistaat Bayern. Fast zwei Millionen Euro wurden für die Taskforce ausgegeben, die Kulturstaatsministerin Monika Grütters stockte den Etat für Provenienzrecherche auf sechs Millionen Euro auf und hat ein Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg gegründet.

…Der bayerische Justizminister Winfried Bausback verlangte eine „Lex Gurlitt“, mit der die Verjährungsfristen für NS-Raubkunst ausgesetzt werden sollte. Weltweit sind mehrere Tausend Artikel zum Thema erschienen, fünf Werke aus Gurlitts Sammlung wurden bisher von der Taskforce als NS-Raubkunst identifiziert, zwei davon an die Erben restituiert. Von dem Verdacht, es handele sich um eine der größten Raubkunstsammlungen in der Geschichte der Bundesrepublik, ist wenig geblieben.

…Wer war also Cornelius Gurlitt? Und noch wichtiger: Spielt es eine Rolle? Die einen halten ihn, der am 6. Mai 2014 im Alter von 81 Jahren starb und rund 1500 Kunstwerke hinterließ, für den Erben einer der größten Raubkunstsammlungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die anderen, wie Sepp Dürr, sehen in ihm ein Opfer der Justiz: Wurde er zum Präzedenzfall erklärt, weil er sich nicht wehren konnte?

…Experten, die mit der Sammlung vertraut sind, schätzen übereinstimmend, dass die Fälle von eindeutigen Raubkunst-Werken bei etwa einem Dutzend liegen; an Hunderte glaubt niemand mehr.

Warum aber wurde so und nicht anders gegen Cornelius Gurlitt vorgegangen? Die Rechtmäßigkeit der Beschlagnahme wurde von Experten von Anfang an bezweifelt, die Staatsanwaltschaft äußert sich nicht dazu. Aus dem Umkreis heißt es, gegen Gurlitt sei zuerst ermittelt worden, weil er unter Verdacht stand, zum organisierten Verbrechen zu gehören; später bezogen sich die Vorwürfe auf Steuerdelikte. Völlig unklar ist, warum nach dem Eindringen der Polizeibeamten in die Wohnung 2012 kein Betreuer bestellt wurde. Die Zustände in Schwabing ließen keine Zweifel daran, dass dort jemand wohnte, der seine Angelegenheiten eigentlich nur noch mit einem Rechtsbeistand wahrnehmen, aber nicht strategisch Straftaten begehen könne.

…Was aber, wenn mit Gurlitt deshalb so umgegangen wurde, weil – und nicht obwohl – man sicher sein konnte, dass er zur Gegenwehr nicht in der Lage war? Die Maßnahmen, die bei einer Privatperson ergriffen wurden, stehen im auffälligen Missverhältnis zu Fällen in öffentlichen Häusern. Was von Gurlitt verlangt wurde, hat bisher noch kein Politiker von einer öffentlichen Einrichtung gefordert. Kein Museum wurde dazu verpflichtet, seine Bestände ins Netz zu stellen – was mit der Sammlung Gurlitt aber geschah. Noch weniger gibt es ein Museum, das seine Geschäftsbücher ins Netz gestellt hat. Freiwillig eingewilligt haben bisher dazu nur Gurlitt und das Auktionshaus Neumeister. Zum Vorbild genommen haben sich diese privaten Initiativen keine städtischen Träger, kein Bundesland, auch nicht der Bund.

Nach wie vor gibt es in Deutschland kein Raubkunstgesetz, kein unabhängiges Gremium, geschweige denn ein international besetztes, das in Streitfällen angerufen werden könnte, wenn dem das betroffene Museum nicht zustimmt. Ein Mangel an Transparenz wird Museen in Bayern vorgeworfen. Kürzlich erhielt der Ministerpräsident Horst Seehofer ein Schreiben von 29 Abgeordneten des amerikanischen Kongresses. Darin forderten diese, er solle die Museen im Freistaat dazu bringen, Gespräche mit jenen jüdischen Familien zu führen, die in den Institutionen noch NS-Raubkunst vermuten. Anlass ist der Fall Alfred Flechtheim. Der jüdische Kunsthändler starb 1937, verfolgt und verarmt, im Exil in London. Seine Erben fordern Werke aus der Pinakothek der Moderne zurück.

Auch hier weicht Gurlitts Verhalten ab. Er einigte sich bereits 2011 mit den Flechtheim-Erben. Zuvor hatte er Max Beckmanns Bild „Der Löwenbändiger“ im Auktionshaus Lempertz eingeliefert. Als Zweifel aufkamen, ob dieses Werk nicht aus Flechtheims Besitz stammte und verfolgungsbedingt veräußert wurde, erklärte sich Gurlitt einverstanden, den Erlös mit den Erben zu teilen. Der „Löwenbändiger“ wurde am 2. Dezember 2011 für 864 000 Euro verkauft.

Die bayerische Politik, so Sepp Dürr, habe den Fall Gurlitt gezielt in ein „Bermuda-Dreieck der Verantwortungsdiffusion“ geschmissen. Der scheinbar beherzte Vorstoß von Justizminister Bausback, nun doch eine gesetzliche Regelung zu finden, die auch über Gurlitt hinaus Konsequenzen haben könnte, liegt dem Bundesrat vor, wird aber nicht erörtert. Um den Entwurf ist es still geworden. Der Eindruck drängt sich auf, dass Cornelius Gurlitt in Bayern nicht zum Verhängnis wurde, dass er NS-Raubkunst besaß. Sondern dass er, spätestens im Jahr 2012, isoliert und hilflos geworden war. So wurde er ein Bauernopfer, mit dem sich gut von staatlichen Versäumnissen ablenken ließ.

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Schatzkammer Salzbergwerk: Kulturgüter überdauern in Heilbronn und Kochendorf den Zweiten Weltkrieg
Verlag: Stadt Heilbronn (1. Januar 1997)
ISBN-10: 3928990616
ISBN-13: 978-3928990615

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…Im SPIEGEL 25/2001, von Chefredakteur BÜCHNERS bolschewistischer Komplett-Durchsiffung weit entfernt, konnte man noch lesen:„Klauen war 1945 in der U. S. Army, wie der Bankier und Historiker Kenneth Alford aus Richmond (Virginia) recherchiert hat, so was wie ein soldatischer Sport. Die Grenze der Plünderei hing nur davon ab, wie groß der Sack war, den man mitbrachte.” Besonders groß war der des US-Offiziers Joe T. MEADOR, in den er zwölf der wertvollsten Teile des mittelalterlichen Quedlinburger Domschatzes steckte. Als der Strauchdieb endlich zur Hölle führ, hatten seine Erben beim Verscherbeln der Hehlerware Schwierigkeiten und boten sie deshalb der Bundesregierung an, die sie für einen „Finderlohn“ von 2,7 Millionen Dollar auch prompt ankaufte.

Nachdem Kriegserklärer Frankreich im Handstreich erledigt war, hielten sich die größten Kunst-Räuber aller Zeiten konsequent ans Haager Kulturgut-Abkommen, beließen den Besiegten ritterlich die Museumshoheit und sorgten dafür, dass MONA LISA nicht in Hitlers Schlafgemach sondern alsbald auf ihrem Platz im Louvre landete. „Das silberne Tafelgeschirr des letzten Kaisers“ aber, das „allein sieben Tonnen wiegt,“ landete, so der Chicagoer Reverend Ludwig A. FRITSCH, bei den Amerikanern „und der Oberst, der dieses herrliche Kunstwerk stahl, ist im Privatleben Rechtsanwalt.“
https://derhonigmannsagt.wordpress.com/2014/02/18/rauber-als-retter-die-luge-schlechthin

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Gestohlene Kunstwerke kehren nach Kronberg zurück Kleine Bilder, große Geste

Zwei Kunstwerke, die amerikanische Soldaten in der Besatzungszeit aus Schloss Friedrichshof gestohlen haben, werden bald in Kronberg zu sehen sein.

http://www.taunus-zeitung.de/lokales/hochtaunus/vordertaunus/Kleine-Bilder-grosse-Geste;art48711,1389881

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Der Jahrhundertraub von Quedlinburg, phoenix, 23.01.2016
Anfang der Neunzigerjahre steigt im Städtchen Whitewright, Texas, der erste Showdown im spektakulärsten Kunstraub des 20. Jahrhunderts. Schauplatz: die First National Bank. Für den deutschen Kunstfahnder Willi Korte kommt der Moment der Wahrheit, als ein nervöser Bankbeamter drei Pappkartons unter der Aufsicht zweier Sheriffs aus dem Tresor holt. Der Inhalt dieser Schachteln entscheidet über die Aufklärung des spektakulärsten Kunstraubs des 20. Jahrhunderts – und über das Schicksal des Historikers und Juristen Korte, der für die Fahndung seine Existenz aufs Spiel setzte.
http://www.phoenix.de/content/der_jahrhundertraub_von_quedlinburg/230101

 

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3 Kommentare zu Kunstsammler Cornelius Gurlitt, Bauernopfer von Justiz und Politik in Bayern, 14.01.2016

    • justizfreundadmin sagt:

      …Aber keine Angst es wird keine Antwort geben, weil er nicht antworten kann, denn wenn er und die anderen Staatsjuristen sogenanntes „Fehlverhalten“ könnten, dann würde es viele dieser Probleme gar nicht geben aber man kann nicht.

      Der bayrische Landesjustizminister Prof. Winfried Bausback kann nämlich auch nicht:

      Prof. Bausback:
      „Die Justiz ist für die Menschen da. Sicherheit und Gerechtigkeit sind unser Anliegen”
      “…möchte ich Ihnen ganz allgemein mitteilen, dass das Bayerische Staatsministerium der Justiz alle Eingaben und Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern sorgfältig prüft. Ich darf Sie allerdings um Verständnis bitten, dass ein öffentliches Forum wie Facebook nicht geeignet ist, sich über konkrete Einzelfälle auszutauschen. ”
      „…Darum ist ein offener Dialog so wichtig und daß daß ideologische Scheuklappen und wirklichkeitsfremde Sozialromantik dabei außen vor bleibt. Aber da sind wir uns einig, oder?…“

      Prof. Dr. Bausback:
      „An seinen Nachfolger Dr. Friedrich Krauß gerichtet, erklärte der Minister: „Wo immer Sie auch tätig waren: Ihre Vorgesetzten waren stets voll des Lobes über Sie. Ich bin überzeugt, dass Sie diese neue verantwortungsvolle Aufgabe mit Erfolg meistern werden! Sie sind für das Amt an der Spitze des Landgerichts Bamberg bestens geeignet und gerüstet!“

      Bürgererfahrung mit Richter Dr. Friedrch Krauß:
      „Einen solchen im Gerichtssaal herumbrüllenden „Richter“ habe ich bis jetzt nur in einer Fernsehdokumentation in Gestalt von „Richter“ Freisler im III. Reich gesehen.“
      http://www.kirchenlehre.com/coburg02.htm

      Der Präsident des OLG-Bamberg:
      “Über die Aufgaben, Zuständigkeiten und Dienstleistungen sowohl des Oberlandesgerichts als auch der Gerichte des hiesigen Bezirkes soll diese Homepage informieren und somit zu dem angestrebten Ziel einer bürgerfreundlichen und bürgernahen Justiz beitragen.”

      Prof. Bausback 06.05.2015:
      „Wer nicht Macht genug hat, einen jeden im Volke gegen den anderen zu schützen, hat auch nicht das Recht, ihm zu befehlen“

      „Wer schützt, so absurd das auch klingt, die Bürger vor Richtern, denen die Phantasie durchgeht, die in ihrer Allmacht Menschen ruinieren und jahrelang ihrer Freiheit berauben, mit Verdächtigungen und vermeintlichen Wahrheiten behängen können?“
      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-78689615.html
      „Systemfehler, Die bayerische Justiz sorgt für Schlagzeilen – und für ungewöhnlich viele fragwürdige Urteile.“
      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-123856912.html

      Erwin Tochtermann (1930) hat ein Vierteljahrhundert gesessen – seit 1960 für die Süddeutsche Zeitung in bayerischen Gerichtssälen. Seinem Manuskript gab der Autor den Arbeitstitel:
      Die Verbrechen der bayerischen Strafjustiz. Unter diese Verbrechen zählt er die Fälle, in denen „Gerechtigkeit nur geübt“ wurde.
      Und der Gerichtsreporter weiß: Wer üben muß, der kann nicht.
      http://blog.justizfreund.de/?p=4028

  1. Thomas sagt:

    Der Fall ist schon wirklich sehr interessante, ich beobachte das auch schon länger. Schöne Erläuterung. Danke.

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