Rentner hinter Gittern, NDR, 28.10.13

Hohe Mauern, Stacheldraht, Gitterstäbe. Im Knast sitzen Verbrecher, vor denen die Gesellschaft geschützt werden soll. Das Gefängnis ist eine eigene Welt, hart und oft rücksichtslos. Doch was passiert eigentlich, wenn alte Menschen ins Gefängnis müssen? Die Gesamtzahl aller Straftaten in Deutschland ist zwar rückläufig. Der Anteil der Tatverdächtigen, die über 60 Jahre alt sind, aber nimmt zu.
Hans C. klammert sich an den Rollator und blickt aus dem Fenster seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Lingen-Damaschke. Der 70-jährige Diabetiker hat einen Herzinfarkt hinter sich, ein Bein musste ihm amputiert werden. Hans C. sitzt wegen Betrug und Steuerhinterziehung.

Gebrechliche Gefangene wie er kämen in normalen Gefängnissen nicht zurecht – für den Strafvollzug eine wachsende Herausforderung. „Die Deutschen werden immer älter, auch die Zahl der Gefangenen im Rentenalter steigt“, so Helmut Krone, der stellvertretende Anstaltsleiter.
„Wir haben hier im Krankenhaus unserer JVA eine ‚Langliegeabteilung“. Da sind inzwischen gebrechliche und demente Gefangene untergebracht, die eigentlich in ein Pflegeheim gehören würden.“
In Detmold hat die Gefängnisleitung reagiert und eine spezielle Station aufgebaut, die sogenannte Lebensälterenabteilung. Inzwischen führt man dort eine lange Warteliste, denn die wenigen Plätze für alte Gefangene sind begehrt. Wer hier Ärger macht, kommt zurück in den normalen Vollzug. Und dort geht es für die Alten oft ungemütlich zu: „Im Knast herrscht eine strenge Hierarchie“, so Justizvollzugsbeamtin Karin Ludewig. „Da kommen die Alten nicht nur beim Fußballspielen schnell unter die Räder.“
Vor allem die sogenannten Ersttäter im hohen Alter, gebrechlich und ohne Gefängniserfahrung, haben massive Probleme in den großen Haftanstalten, werden ausgenutzt oder gedemütigt.
Doch selbst in der neuen Seniorenabteilung in Detmold geht es nicht ohne Startschwierigkeiten ab, auch für Gefangene, die schon sehr lange sitzen, so wie Jürgen W.: „Ich bin Bankräuber und muss hier mit Vergewaltigern zusammen sitzen“, so der 60-Jährige empört. „Im normalen Knast wären die so klein mit Hut, aber hier reißen die ihre Klappe ganz weit auf. Weil sie wissen, dass in dieser Abteilung keiner Ärger machen und zurück in den normalen Vollzug will.“
Die Reporter Carsten Rau und Hauke Wendler begleiten drei alte Straftäter in der Haft und nach der Entlassung. Wie geht man mit Gefangenen um, die eigentlich einen Altenpfleger bräuchten? Wie bereitet man Menschen auf die Freiheit vor, die für Jahrzehnte eingesperrt waren? Wo kriegt ein entlassener Sicherungsverwahrter eine Wohnung und neue Zähne her?

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