Kleine Mädchen-WG als Kinderbordell für Politiker, Polizisten, Journalisten und Juristen im Sachsensumpf, Martyrium der Zwangsprostituierten Mandy Kopp, 09.03.2013

Sachsensumpf, Martyrium der Zwangsprostituierten Mandy Kopp, Die Welt, 09.03.2013

Mit 16 wurde Mandy Kopp zur Prostitution gezwungen. Später sagte sie im angeblichen Skandal um den „Sachsensumpf“ aus und landete vor Gericht. In einem Buch verarbeitet die 36-Jährige ihr Lebensdrama.

Sie war gerade 16 geworden, im November 1992, und hatte versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Ihre erste große Liebe hatte sie mit einem anderen Mädchen betrogen. Ihre Mutter reagierte mit Vorwürfen statt mit Verständnis.
Sie wollte weg und lief mit Lea davon, die war erst 13. Hätte sie nicht wissen müssen, dass niemand zwei Ausreißerinnen einfach so in einer Mädchen-WG unterbringt?

Die Erwachsene von heute hat das das Mädchen von damals oft gefragt. Obwohl sie glaubt, dass es die falsche Frage ist: die nach ihrer Schuld. Die Wohnung lag in einem grauen Altbau in Leipzig, auf den ersten Blick nett eingerichtet mit Ledergarnitur, Glasvitrine voller Nippes und Glasperlenvorhängen.
Drei Mädchen lebten dort, Ines*, Jasmin* und Trixi*. Nur war es keine Mädchen-WG.
Es war ein Minderjährigenbordell: das „Jasmin“.
Sie schreibt: Während der ersten Zeit im „,Jasmin“ zwang er mich immer wieder zu sexuellen Handlungen, er vergewaltigte mich, demütigte und schlug mich, wann immer er es für „angebracht“ hielt. Wie ein störrisches Stück Vieh, bei dem kein gutes Zureden mehr half, sondern nur noch Gewalt.
Irgendwann hörte ich auf, die Schläge zu zählen. Sie verschwanden hinter einem Schleier aus Taubheit und innerer Leere…
Kugler* sagte hinterher: „Mädchen, die nicht funktionieren, kosten nur Geld und werden beseitigt.“
Mandy Kopp ist heute 36. Sie hat ihre Erlebnisse in einem Buch aufgeschrieben. Es ist die Geschichte einer Generation, deren Eltern in den Wendejahren die Orientierung verloren, wo sollten die Kinder da Halt finden?
Doch vor allem ist es die Geschichte einer Frau, die mit ihrer Vergangenheit ringt. Fast 20 Jahre hat sie das im Privaten getan, jetzt kämpft sie öffentlich.
„Uh, der Stamm ist so kalt.“ Sie lacht, als der Fotograf sie bittet, einen Baum zu umarmen. Mandy Kopp ist eine hübsche Frau, schlank und zierlich, die blauen Augen hinter einer weiß gerahmten Brille, das hellblonde Haar offen auf den Schultern. Lebendig, schlagfertig. Das ist der erste Eindruck. Sie mag nicht, dass man sie dort trifft, wo sie wohnt. Sie zieht gerade um, auch weil sie sich bis heute nicht sicher fühlt.
Sie ist nach Berlin gekommen. Im Nebenraum sitzen ihr Lebensgefährte und ihr sechsjähriger Sohn.
„Mein Beistand“, sagt sie und lächelt. Sie schreckt auf beim Geschrei von Kindern, das vom nahen Spielplatz herüberschallt, ist angespannt. Das ist der zweite Eindruck.

Das Buch, ihre Geschichte, ist schwer zu ertragen. Lange hat sie gebraucht, das alles aufzuschreiben. Angefangen hat sie schon, kurz nachdem sie und die anderen Mädchen im Januar 1993 aus dem „Jasmin“ befreit worden waren.
Sie wurden damals bedroht, auf sie und Lea soll sogar jemand geschossen haben, daher beschlossen Mandy Kopps Eltern mit dem Jugendamt und der Polizei, dass sie in Süddeutschland in einem Internat und einer Pflegefamilie untertauchen sollte.
Reden über sich selbst und das, was sie erlebt hatte, durfte sie aus Sicherheitsgründen mit niemandem.
So begann sie zu schreiben. Über ihre Kindheit, ihre Familie, wie sie der Mensch wurde, der sie war. Nur über die Zeit im „Jasmin“ bekam sie keine Zeile aufs Papier.

1994 sagte sie im Prozess gegen Kugler aus, den Betreiber des „Jasmin“, ihren Zuhälter. Obwohl man ihr zuvor versprochen hatte, er werde bei der Aussage nicht im Gerichtssaal sein, war er es dann doch. Und in dem Richter meinte sie schon damals, einen ihrer früheren Freier wiederzuerkennen.
Warum haben Sie das damals nicht gleich gesagt?“
Ich war so geschockt, dass ich fast ohnmächtig geworden wäre. Und wer hätte mir geglaubt? Kugler hatte ja immer gesagt, dass er beste Beziehungen zu Justiz und Polizei habe.“
Kugler wurde zu vier Jahren und zwei Monaten Haft wegen Menschenhandels in Tateinheit mit Zuhälterei und Förderung der Prostitution sowie sexueller Handlungen Minderjähriger verurteilt. Für das, was er ihr und den anderen angetan hatte, die Schläge, die Tritte, die vielen Vergewaltigungen, wurde er nicht verurteilt.
Er war dafür nicht einmal angeklagt. Wie war das möglich?“
Das frage ich mich heute auch.

Einige der anderen Mädchen und ich hatten ihn nach der Befreiung wegen Vergewaltigung und Körperverletzung angezeigt. Aber das wurde nicht weiter verfolgt. Unsere Eltern wurden ja nicht einmal informiert, dass sie das Recht hatten, als Nebenkläger aufzutreten und Einsicht in die Akten zu bekommen.
„Mandy Kopps Stimme ist jetzt laut. Sie redet schnell, knetet ihre schmalen Finger. Sie weiß, dass das alles unfassbar klingt. Viel zu lange habe sie keine Fragen gestellt und wenn, dann die falschen, sagt sie.
Damals nach dem Auftritt vor Gericht wollte sie nur noch nach vorne schauen, Leipzig, das „Jasmin“, ihr altes Leben vergessen. Sie kehrte zurück in ihre neue Welt in Süddeutschland. Kurz zuvor hatte sie sich verliebt in einen 20 Jahre älteren Mann, einen Handwerker. Die beiden heirateten, machten einen Betrieb auf, bekamen einen Sohn. Nach außen führten sie das Leben einer glücklichen Familie.
Mit den Jahren bekam ich richtig Übung darin, Wolfgang vorzuspielen, dass ich tatsächlich alles vergessen hatte. Nur selten, wenn ich nachts im Schlaf schrie und schweißgebadet aufsprang, bekam er mit, dass das nicht so klappte. Aber auch da hatte ich Ausreden. …

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